Katharina Michajlova (Foto: Holger Straede)Katharina Michajlova (Foto: Holger Straede)Ein Bericht von Katharina Michajlova:

Es wird gerade Sportgeschichte geschrieben, nun ja, vielleicht auch nur Tischtennisgeschichte, aber womöglich ist es auch ein Anstoß und großer Fortschritt in Politikgeschichte. Außer dem Sport mit 22 Spielern auf dem Feld, einem Ball und zwei Toren sowie ein paar anderen Sportarten wird leider nicht viel Beachtung geschenkt in Deutschland und gefühlt im restlichen Europa. Wenn nun so wenig über anderes geschrieben wird, so muss ich es doch tun, besonders in diesen Tagen.

In der schwedischen Stadt Halmstad, in dem Geburtsort der „Tischtennislegende“ Jörgen Persson fand bis zum letzten Wochenende die Tischtennis Team-WM statt. Im Viertelfinale sollte es in der Damenkategorie zu einer Begegnung zwischen Nord- und Südkorea kommen. Die ganzen aufgeladenen Ausschmückungen über den Kampf der Systeme und Weiteres spare ich mir an dieser Stelle. Ich bin keine Politologin oder Geschichtswissenschaftlerin, ich bin Sportlerin und in erster Linie ist der Tischtennissport nicht politisch, jedoch kann es Sport auch werden. Politisch wird es meiner Meinung nach, wenn der Sport und seine Wirkung größere Empfängerkreise als nur die sportspezifisch Interessierten erreicht, wenn er die Tischtennisbox verlässt und ab da in größeren Dimensionen gedacht wird.

So nun auch hier- vielleicht. Die beiden koreanischen Mannschaften traten nicht zu einem Wettkampf gegeneinander an, sondern kämpften zusammen als ein Team weiter. Um dies möglich zu machen, wurden die Regeln der ITTF nach einer lang diskutierten Nacht kurzerhand geändert, damit die Spielerinnen am nächsten Tag nicht zu einem Match gegeneinander antreten mussten, sondern im darauffolgenden Halbfinale gegen Japan ihre Kräfte bündeln konnten. Das Halbfinale ging mit 3:0 verloren und ein zweiter historischer Sieg wie bei der WM 1991, als Nord- und Südkorea zum ersten und bis dahin einzigen Mal als Team zusammen antraten und damals die Übermacht im Tischtennis China die Goldmedaille abringen konnten, konnte leider nicht wiederholt werden. Man stelle sich vor, in einem anderen großen Event zum Beispiel beim vielbeachteten Fußball oder der Formel 1 würde man über Nacht die Regeln ändern. Kaum vorstellbar! In diesem Fall kann man sagen: Zum Glück wird im Tischtennissport nicht mit so viel Geld jongliert und zum Glück scheinen die Strukturen nicht so starr und „politisch“ zu sein wie bei anderen Sportarten, sodass es eine, meiner Meinung nach, sehr kluge Entscheidung war die Wettkampfregeln so kurzfristig zu ändern, was vom deutschen ITTF-Präsidenten mit „Ja, wir respektieren die Regeln. Aber das hier ist größer als die Regeln“ kommentiert wurde.

Ob dieses vereinte Team nun ein Zeichen für den politischen Frieden zwischen Süd- und Nordkorea, wo Tischtennis einen hohen Stellenwert hat, sein wird oder ob es ein erstmal einmaliges Ereignis wie im Jahr 1991 darstellt, bleibt abzuwarten. Nicht zuletzt die Annäherungen zwischen den Staatsoberhäuptern beider Länder und die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sowie die Aufstellung eines gesamtkoreanischen Eishockey-Teams unter einer gemeinsamen koreanischen Fahne weckt Hoffnung. Diese gesamtkoreanische Fahne, unter der das Eishockey-Team bei den Olympischen Winterspielen startete, habe ich die Tage bei der VerfolgungKatharina und Kim Song-iKatharina und Kim Song-i des Halbfinalspiels im Tischtennis wiedererkannt, was für mich sehr gewöhnungsbedürftig erscheint. Liest man die verschiedenen Berichterstattungen über (Süd- und Nord-) Korea und sieht die Nachrichtenbilder zum etlichen Male über den Bildschirm flackern, scheint dies alles so weit weg von meinem alltäglichen Leben zu sein.

Doch nicht so, wenn man selber Teil eines riesigen Events ist, wie ich es zum dritten Mal im letzten Sommer sein durfte. Unterstützt von der Universität Bremen nahm ich als eine von 127 deutschen Sportlern an der Universiade in Taipei teil. Es sind die Weltspiele für Studierende mit rund 13000 Teilnehmern aus 141 Nationen und die zweitgrößte Multisportveranstaltung nach den Olympischen Spielen. Ja, Sport ist in Deutschland nicht so politisch wie in anderen Ländern wie beispielsweise Russland oder China. Auch wenn wir uns in Deutschland an diesen Ländern nicht in allzu vielen Dingen ein Beispiel nehmen sollten, gehört, meiner Meinung nach, die Liebe und die Wertschätzung zum Sport auf jeden Fall dazu. Dabei meine ich nicht das allwöchentliche Grölen in den vollgefüllten Stadien in München, Dortmund oder Hamburg, sondern die Anerkennung des Sports als Handwerk und des Sportlers in vielerlei Hinsicht. Ja, Sport wird in diesen Ländern auch politisch genutzt, aber nicht nur und es muss ja auch nicht immer schlecht sein. Vielleicht sollte es in dem Fall der jetzigen Tischtennis-WM auch politisch gesehen und genutzt werden, zum Positiven, zum Frieden.
Wenn es denn wenigstens in Deutschland ein bisschen so wäre, dann wäre es einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, was zum Beispiel die Universiade ist oder was sich gerade bei der Tischtennis WM ereignete. Selbst unter Sportlern sind die Weltspiele für Studierende leider nicht so populär, obwohl bekannte Sportler und Olympiamedaillengewinner wie Fabian Hambüchen zu den Teilnehmern gehören. Man kennt jedes Wechselgerücht und jeden Trainertick im deutschen Fußball, aber vieles über ein paar wenige Sportarten hinaus bleibt selbst dem neugierigen Bürger und Sportinteressierten verwehrt. Nicht falsch verstehen, ich mag Fußball und schaue es mir auch ab und an gerne an. Aber wenn selbst beispielsweise die Sportschau im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, welches ja für eine pluralistische Gesellschaft mit ihrer Meinungsvielfalt und einem vielfältigen Programmangebot steht, hauptsächlich darüber berichtet, wie und wann und unter welchen Umständen das Runde ins Eckige gekommen ist, dann ärgert man sich zunächst und irgendwann hat man keine Lust mehr sich zu ärgern und ist genervt. Über die Fernsehberichterstattung zum Beispiel in Russland möchte ich an dieser Stelle wirklich kein Wort verlieren, ich bin ja, wie schon erwähnt, als Sportlerin unterwegs, deshalb möchte ich ein paar kurze Sätze über das alltägliche Leben in Russland verlieren.

Ich verbrachte vor ein paar Jahren in St. Petersburg mein Auslandssemester und unterhielt mich mit den dortigen Studenten, die keine Sportler waren, und fragte diese, ob sie die Universiade kennen. Und sie bejahten dies fast selbstverständlich. Dies wiederholte ich ein paar Male und war einfach nur überrascht, dass es dort populär und bekannt war. Kein Wunder, denn bei meiner zweiten Teilnahme 2013 an der Universiade in Kazan eröffnete Wladimir Putin diese höchstpersönlich (und ich war live dabei).
Bei meiner letzten Teilnahme in Taipei traf ich das erste Mal in meinem Leben Menschen und Sportler aus Nordkorea. Mit der Olympia-Dritten von 2016 Kim Song-i aus Nordkorea machte ich ein Foto. Dies war eine aufregende Situation, obwohl ich mir sonst nicht viel aus Fotos mit „bekannten“ Menschen mache. Es war interessant zu beobachten wie die Nordkoreaner sich verhielten, wie die wenigen nordkoreanischen Sportler unter ständiger Bewachung standen und wie sie zum Beispiel reagierten, wenn man Fotos mit ihnen machen wollte. In den Medien kann man vieles lesen und sehen, aber es ist doch etwas ganz anderes hautnah dabei zu sein. Schon letzten Sommer bei der Universiade in Taipei ereigneten sich am Rande der Tischtennisviertelfinalspiele bemerkenswerte Szenen in Sachen koreanische Verbundenheit. Ich beobachtet eine Situation in der Sporthalle, bei der ich Gänsehaut bekam, und hatte sofort diese Szene vor Augen, als ich von dem vereinigten koreanischen Tischtennis-Team bei der jetzigen WM hörte. Vor voller Kulisse und unter tosendem Applaus fand damals am Centre-Court das Spiel der Damen um den Einzug ins Halbfinale statt. Es spielte Taiwan gegen Nordkorea. Während fast die gesamte Halle die eigene Landsfrau unterstützte, saßen die Nord-und Südkoreaner beieinander und feuerten gemeinsam die Nordkoreanerin an. Da wurde auch mal die südkoreanische Flagge für Nordkorea geschwungen. Das Ganze machte es noch skurriler oder beachtlicher, dass am Nebentisch bei den Herren Nordkorea gegen Südkorea spielte und hier wiederum gegeneinander geklatscht wurde.

Vielleicht ändert sich ja irgendwann mal die Berichterstattung und das deutsche öffentliche Interesse in Sachen Sportvielfalt, womöglich kennen jetzt ein paar Wenige mehr, was die Universiade ist, vielleicht kann der Sport jetzt und in Zukunft etwas gesellschaftlich Nützliches hervorbringen und vielleicht liest man bei Wikipedia unter dem Stichwort und der Stadt „Halmstad“ nicht nur, dass es der Geburtsort von Jörgen Persson ist sowie etlicher Profifußballspieler, sondern dass es, wie es damals in den 70er Jahren die Ping-Pong Diplomatie war, auch ein besonderer Ort des (sport)politischen Weltfriedens oder zumindest einer Annäherung ist.

Katharina

Name: Katharina Michajlova
Geboren: 27.01.1989 in Cherson (Ukraine)
Aktueller Wohnort: Bremen
Aktueller Verein: SV DJK Kolbermoor, 1. Bundesliga, (früher langjährige Spielerin im WTTV)
Aktueller Beruf: Studentin der Wirtschaftspsychologie, Tischtennisspielerin und -trainerin
Spielstil: Angriff, Rechtshänderin
Material: Donic Enforce (Holz), Donic Bluefire Turbo M1, Donic Baxter (kurze Noppen)
Sportliche Erfolge: ehemalige Jugend-Nationalspielerin, 3. Platz Damen Einzel Deutsche Meisterschaften 2017, 3. Platz Damen Doppel Deutsche Meisterschaften, Top 48-Siegerin Damen, 3x Gold & 1x Silber Makkabiade 2017,  3-malige Universiade Teilnahme, 6-fache Deutsche Hochschulmeisterin, 2. Platz Doppel & 3. Platz Mannschaft Jugend-Europameisterschaften

Katharina Michajlova (Foto: Holger Straede)Katharina Michajlova (Foto: Holger Straede)

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